In Möglichkeiten denken

Dr. Gerhard Thiele zu Gast am Friedrich-Abel-Gymnasium

ThieleThiele Es war nicht ganz so heiß in der Vaihinger Stadthalle wie beim 60 Grad heißen Widereintritt der Shuttle-Radar-Topographie-Mission SRTM im Jahre 2000, bei der Dr. Gerhard Thiele als einziger Deutscher in einer Crew von sechs Astronauten mit an Bord war. Ihn schützte sein Schutzanzug mit dem darin befindlichen Kühlsystem. Die zahlreichen Zuhörer in der Vaihinger Stadthalle bemerkten die warmen Temperaturen (das Kühlsystem der Halle war just an diesem Tag ausgefallen) angesichts eines fesselnden Vortrages nicht.
Schulleiter Sinnl begrüßte die Gäste und bedankte sich besonders bei Hans-Peter Schüle, dem Hauptorganisator, bei Susanne Schumacher und Heike Bärenwald, Vorsitzende des Elternbeirats und des Fördervereins, für die Unterstützung der Gästereihe am Friedrich-Abel-Gymnasium. Der zweiundvierzigste Gast gab Einblicke vom Shuttleleben, von Start und Landung, von der Situation an Bord und beantwortete geduldig und mit Humor viele Fragen aus dem Publikum. Besonders die jungen Schüler der Unter- und Mittelstufe stellten erfreulich viele interessante Fragen.
Drei Jahre Planungsarbeit ging der Mission voraus, bevor im Februar 2000 der Flug beginnen konnte.
Achteinhalb Minuten nach dem Start war die Mannschaft im Orbit. Die Zuschauer, die in acht Kilometer Entfernung den Start verfolgten, spürten noch die Wärme des Antriebs, ihre Bäuche vibrierten.
Enorme Wassermengen rund um die Startrampe absorbierten die großen Schallwellen, die sonst das Shuttle zerbrochen hätten. Aufgabe der Mission war es, die Erde neu zu vermessen. „Der Mount Everest blieb auch nach der Mission höchster Berg der Erde, doch tatsächlich brachte die Mission viele neue Erkenntnisse bis zum Hochwasserschutz am Niederrhein“, so der promovierte Umweltphysiker. Mit Hilfe des „Principle of Radar Interferometry“ wurde die Vermessung vorgenommen. Dazu waren zwei ausfahrbare Antennen, die jeweilige Höhe des Shuttles und Trigonometriekenntnisse, die man schon in Klasse 7 lernt, notwendig, natürlich auch ein Computer, der die Daten sammelte. Da das Shuttle im Laufe der Messungen an Höhe verlor, wurde der Abstand zur Erde geringer und damit der Messausschnitt kleiner. Mit Impulsschüben gewann der Raumgleiter wieder an Höhe, ohne dass die Antennen dabei zu Bruch gingen, was einen Abbruch der Mission zur Folge gehabt hätte.
ThieleThieleMenschliches und Alltägliches beschrieb Thiele gleichermaßen spannend wie technische Einzelheiten. Als jüngstes Crewmitglied hatte er die Aufgabe, das Patch, also das Logo der Mission, zu entwerfen. Auf dem Patch sind das Shuttle, die Aufgabe der Mission, die Namen der Crewmitglieder leicht zu erkennen. Die Sterne, verriet Thiele, symbolisieren die Kinder der Astronauten.
Die Schwerelosigkeit beschrieb der Astronaut als Zustand, den man mit Worten kaum beschreiben könne. „Oben und unten gibt es nicht mehr. Wenn man sich dreht, hat man das Gefühl, in einem völlig neuen Raum zu sein.“ So suchte Thiele eines Morgens sein PPK (Personal Preference Kit), das immer an derselben Stelle hing, vergebens, bis ihn sein Kollege aufforderte, sich auf den Kopf zu stellen. Dann war es plötzlich wieder da.
Thiele betonte die Herausforderung an die Crewmitglieder angesichts der Verhältnisse im All. „Es ist genau 45 Minuten Tag, bevor es 45 Minuten Nacht wird.“ Der FAG-Gast betonte, dass es nahezu unmöglich sei, in dieser Situation fehlerfrei zu arbeiten. Mit Hilfe von Prozeduren, das sind Schritt-für- Schritt-Anleitungen und durch ein gutes kollegiales Miteinander gelang es der Besatzung die Fehler zu minimieren.

ThieleThieleMit eindrucksvollen Bildern belegte Thiele besondere Erscheinungen im All. So zeigte er einen Sonnenuntergang mit den Regenbogenfarben, den Airflow, einen grünen Streifen aus atomarem Sauerstoff, von dem noch niemand weiß, warum man ihn mal sehen kann und mal nicht. Er zeigte das Nildelta und die Pyramiden von Gizeh von oben, wobei er erläuterte, dass aufgrund der Breite und des Schattens die Pyramiden die einzigen Gebäude der Welt seien, die man von oben sehen könne.
Gegen Ende seines Vortrags befragte der ehemalige Astronaut das Publikum, wann es wohl glaube, dass der erste Mensch zum Mars fliege. Eine Mehrheit legte sich auf das Jahr 2050 fest.
„Wer heute fünfzehn Jahre alt ist, kann 2050 zum Mars fliegen“, schloss Dr. Thiele seinen beeindruckenden Vortrag und beendete seine fiktive Reise zum Weltall mit der Aufforderung: „In Möglichkeiten denken.“ ThieleThiele ThieleThiele