Das Pubertier

Fünfzehn Jahre Erziehungspartnerschaften am Friedrich-Abel-Gymnasium

Über ein kleines Jubiläum freute sich Schulleiter Hans-Joachim Sinnl beim jüngsten Elternseminar der Reihe Erziehungspartnerschaften am Friedrich-Abel-Gymnasium. Vor genau fünfzehn Jahren startete die Reihe und vor genau fünfzehn Jahren hieß das Thema Pubertät wie am jüngsten Seminar.
Die letzte Duplizität liegt in der Person der Referentin. Heidelinde Finkbeiner-Knapp referierte und moderierte damals wie heute. „Fünfzehn Jahre Elternseminar am FAG, das muss uns erst einmal einer nachmachen“, schmunzelte Sinnl, bevor die Familientherapeutin mit einer Geschichte begann.
Das PubertierDas PubertierIn der Geschichte des Jungen Tut-nicht-gut vom Volke der Lakota aus New Mexico beschädigt dieser Autos und Lastwagen auf einem Parkplatz. Den Erwachsenen gegenüber wird er ausfällig und abweisend, als sie ihn zur Rede stellen. Daraufhin wird der gesamte Clan zusammengerufen. Der Vater erzählt im Beisein des Sohnes, wie stolz sie auf ihn bei seiner Geburt gewesen seien, wie viele schöne Erinnerungen sie von ihm hätten und welche Freude der Sohn ihnen immer bereitet habe. Auch der Onkel und die beiden Großväter, die Frauen loben die Kindheit und die vielen schönen Stunden mit dem Jungen. Der Häuptling beschließt die Clanversammlung und fasst zusammen, wie viel Freude der Junge seiner Familie schon bereitet habe. Dann stehen alle auf und lassen den jungen Mann in der Mitte des Kreises zurück.
In einer ersten Runde tauschten sich die Eltern darüber aus, wie es ihnen mit dieser Geschichte gehe und schnell wurde klar, dass die wenigsten Eltern ebenso gehandelt hätten. Wichtig war Finkbeiner-Knapp in dieser Phase, woran Kinder wohl erkennen könnten, dass sie von ihren Eltern geliebt würden. Viele Eltern reduzierten die Liebe auf Leistung. Mein Sohn könne gut lesen, er spiele gut Fußball oder habe ein tolles Zahlengedächtnis, seien oftmals anerkennende Äußerungen.
In einer zweiten Gesprächsrunde der Eltern tauschten sich diese folgerichtig darüber aus, welche positiven Verhaltensweisen sie von ihrem Kind benennen könnten. Bevor Heidelinde Finkbeiner-Knapp auf konkrete Elternfragen zum Thema Pubertät einging, verdeutlichte sie den anwesenden Eltern in einem Impulsvortrag die wesentlichen Aspekte der Pubertät. Die Pubertät, die heute schon im Alter von 11 bis 12 Jahren einsetze, dauere oft bis zum 16. oder 17. Lebensjahr. Sie ist "ein Ereignis, es kommt, und es muss für die Jugendlichen sein, um ins eigene Leben kommen zu können. Sie ist Teil des Loslösungsprozesses von den Eltern." In der Zeit der Pubertät finde im Gehirn eine Umstrukturierung statt. Die Neutronenanzahl im emotionalen Bereich vermehre sich, woraus sich die Stimmungsschwankungen der jungen Pubertierenden erklären ließen. Die beiden Gehirnhälften kämen durch die Vermehrung der Neutronen enger zusammen, was die analytischen Fähigkeiten der Kinder stärke. Dadurch werde auch die Sprachentwicklung nochmals entwickelt.
Je stärker die Provokationen von Kindern in dieser Phase seien, desto schwerer sei es für das Kind, sich von den Eltern zu lösen. „Kinder brauchen in der Pubertät Eltern mit Rückgrat. Die Eltern dürfen sich aufgrund des Verhaltens der Kinder nicht selbst in Frage stellen.“
Finkbeiner-Knapp wies auf die Bedeutung der Grenzziehung bei den Kindern hin, betonte aber gleichzeitig, dass die Frage, wie die Grenzen gezogen würden wichtiger sei als die Grenzen an sich. So könne die Frage des Computerspiels ein Provokationsthema sein. Werde zunächst viel erlaubt, was dann später wieder in Frage gestellt werden müsse, sei ein Dauerkonflikt vorprogrammiert. Wenn Kindern klar gesagt werde, was man erwartet, könnten sie sich etwa durch verantwortliches Verhalten mehr Spielzeit dazuverdienen, etwa auch durch Hilfe im Haushalt oder ähnlichen Anreizen.
Immer wieder betonte die Familientherapeutin, wie wichtig es sei, mit den Kindern ins Gespräch zu gehen, Grenzen zu setzen und das Interesse am Kind nicht zu verlieren.
In den konkreten Fragen wurden klassische Pubertätsfragen diskutiert. Was könne man tun, wenn das Kind immer das letzte Wort haben wolle, wie viele Regeln vertrage ein elfjähriges Kind, wie soll man auf Wut und Streit unter den Geschwistern reagieren, was soll man tun, wenn man keinen Zugriff mehr auf sein Kind zu haben glaubt.
Mit vielen lebendigen Beispielen zeigte Heidelinde Finkbeiner-Knapp Handlungsalternativen auf, bei denen am Ende immer wieder die Liebe zum Kind einen gemeinsamen Nenner ergab, so unterschiedlich die Varianten auch sein möchten. „Wenn die Kinder nicht mehr in der Pubertät sind, kann man gelassen auf die Zeit zurückblicken, vieles findet man lustig, worüber man sich früher aufregte“, beruhigte Sinnl die Eltern am Ende der Veranstaltung. „Der Austausch mit anderen Eltern hat mir gut getan, die Anregungen von Frau Finkbeiner-Knapp helfen mir, vieles bewusster einzuordnen“, bilanzierte eine Mutter.